Eure Blicke sind meine Waage

Riotmango erwähnte in ihrem Blogpost, dass sie gerne mehr Stimmen von dicken_fetten Leuten hören möchte. Ich weiß nicht, ob ich dazu gehöre. Ich weiß nur, dass mein BMI mich als übergewichtig definiert und alte Frauen auf der Straße meine Schenkel kommentieren. Riotmangos Blogpost bezieht sich auf die Twitter-Aktion #waagnis in dem Menschen dazu aufgefordert werden für den Kampf gegen Fat Shaming ihre Waage aus dem Fenster zu werfen.
Ich habe nun von vornherein keine Waage, aber es macht mich nur bedingt glücklicher.
Es gibt zu viele Dinge, die mich in der Öffentlichkeit oder durch die Medien in den eigenen vier Wänden davon überzeugen, dass ich nicht dünn oder normschön bin.
Die Tatsache, dass ich in vielen Klamottenläden keine Hosen kaufen kann, bei Kleidern oder Oberteilen immer das größte raussuchen muss und so Angst bekomme vor den Zeiten, wo ich noch mehr wiege. Weil ich älter werde, mehr esse, vielleicht Kinder bekommen habe. (Life happens). Kommentare auf der Straße, die finden, dass meine kurzen Hosen Augenkrebs verursachen.
Dass ich mich zwar wage kurze Hosen oder Rücke zu tragen, dies aber immer mit einer Strumpfhose, egal wie warm es draußen sein mag. Auch dumme Anmachsprüche, die meinen Hintern dick und geil finden, nerven mich – denn dafür ist er auch nicht da.
Eine Waage wegzuschmeißen bringt mir also nichts. Es beendet nicht die Diskriminierung.
Und wo ich eben selber nur ein paar Probleme mit meinem Gewicht habe, nervt mich diese Diskriminierung. Mich nervt das Wissen, dass egal, wie wohl ich mich mit meinem Gewicht fühle (es gibt da schwankende Tage und Phasen, aber ich kann es durchaus akzeptieren), ich immer Diskriminierung deswegen erfahren werde.
Mich nervt die Angst, die sich dadurch aufbaut.
Das darüber Nachdenken, was ich anziehe, wie die anderen Leute aussehen die da hingehen (ich überlegte beim Unisport mal Ballett zu machen, aber mich mit schlanken Hipster-Mädchen in einen Raum zu stellen würde zu viele Komplexe hervor rufen), wer mich sexy finden könnte.
Ich gehe nicht davon aus, dass ich unattraktiv bin. Aber ich vergleiche die Mädchen, die ein Mann haben könnte mit mir und finde dann keinen Grund mehr, warum er mich wollen sollte.
Und wenn ich an einer Frau Interesse habe, dann vergleiche ich mich mit ihr und wie fett ich neben ihr wirken würde.  Da hat sie es also geschafft, die liebe Gesellschaft, dass ich mich selbst reduziere. (Auch, dass ich hier auf das Geschlecht reduziere, aber Körperlichkeiten misst man an Körperlichkeiten. 😦 ).
In letzter Zeit gibt es ein paar kleine Perlen in meinem Leben – ein paar Leute auf facebook, die eindeutig fat positiv sind. Ich liebe sie und teile ihre Sachen.
Ich rege mich auf über all die Scheiße, die einem wegen Gewicht erzählt wird. Über jede Serie, in der das dicke Mädchen maximal mit dem dicken Jungen zusammen kommt.
Aber so sehr ich auch dafür kämpfe, dass sich etwas ändert – ich fühle mich manchmal schlecht dabei. Ich möchte verdrängen, dass ich nicht dünn bin. Es fällt mir leichter für Feminismus und gegen Rassismus zu kämpfen, denn Geschlecht und Hautfarbe kann man sich nicht aussuchen. Man ist nicht Schuld.
Aber wenn es um Körperfett und Gewicht geht, dann wird einem auf allen Seiten suggeriert, dass man es sich aussuchen könne. Man tritt dicken_fetten Menschen nicht mit einer Erwartung bezüglich ihrer Charakterzüge entgegen, wie in vielen anderen Fällen von gruppenspezifischer Diskriminierung (Frauen sind hysterisch, Menschen mit Migrationshintergund kriminell), man schreibt ihnen eine gewisse Lebenseinstellung zu. Faulheit, das Setzen von falschen Prioritäten. Und dadurch eben den Unwillen, sich aus der eigenen Lage zu befreien. Als hätte man sich das, samt all der Diskriminierungen selbst ausgesucht. Oder als wären all die Diskriminierungen nur dazu da uns an einen Punkt zu bringen, an dem wir uns so unwohl fühlen, dass wir unser Gewicht von uns aus ändern wollen. Aus der Sicht vieler Menschen sind ihre Aussagen bestimmt Teil des Weltverbesserungsprogramms. Und Weltverbesserung meint bei ihnen Weltverschönerung.
Im wörtlichen Sinne.