Nein, die Pille Danach wirkt nicht unabhängig vom Gewicht

Nein, die Pille Danach wirkt nicht unabhängig vom Gewicht

Diesen Sommer wurden Vermutung publik, dass die Pille danach – zumindest jene mit dem Wirkstoff Levonorgestrel, die demnächst auch Rezeptfrei in Deutschland erhältlich sein soll – ab einem Körpergewicht von 75kg nur noch eingeschränkt und ab 80kg gar nicht mehr wirken soll.
(*Gruselig, dass ich da als einzigen Link zu “repräsentativen Medien” via google einen Artikel der BILD finde. Die mädchenmannschaft hatte darüber berichtet, aber es für einen Seitenschlag auf PETA genutzt, was mich ehrlich enttäuscht. Sexistische Werbung von PETA kennen wir, aber der fatshaming Aspekt wäre der eigentliche Punkt gewesen.)

Daraufhin setzte sich die EMA – European Medicines Agency – hin und veranlasste Metaanalysen (statistische Auswertungen bereits erhobener Daten). Analysiert hatten sie zum einem die zwei Studien, die den Verdacht nahelegten, dass Levonorgestrel nur bis zu einem gewissen Körpergewicht wirken könnten, sowie drei weitere Studien von der WHO.

Ihr Urteil war, dass die Daten „inconclusive“ und nicht robust genug sein. Auf einen Effekt ließe sich nicht eindeutig schließen. Übersetzt heißt das, dass sie den Datensatz sehr pingelig gehandhabt haben.
Wenn man nicht Semester lang mit Statistik gequält wurde, dann mag einem das alles wie eine super objektive Wissenschaft vorkommen.
In Wahrheit ist es Magie.
Nicht in dem Sinne, dass es unerklärbar wäre, wie die Ergebnisse zustande kommen, sondern einfach, weil sehr viel getrickst wird. Je nach Formulierung der Hypothese kann mensch es leichter oder schwerer machen ein statistisch signifikantes Ergebnis zu bekommen, zum Beispiel.

Häufig wird auch versucht Aussage und Werte sehr kritisch und konservativ zu behandeln, damit kein Fehler 1. Art (den sogenannten Alpha-Fehler) gemacht wird. Also damit keine Hypothese angenommen wird obwohl sie falsch ist.
Aber in diesem Prozess macht man es Effekten sehr schwer eindeutig festgestellt zu werden, solange sie nicht so offensichtlich sind, dass sie einem quasi den Zaunpfahl über den Hinterkopf hauen.
Es hängt also auch gut und gerne davon ab, wie sehr [Organisation, Interessenverband, staatliche Institution] versucht einen Effekt NICHT zu finden.

Den zwei Studien gegenüber gestellt hatten die EMA drei Studien der WHO, wobei die Auswertung dieser Daten den Effekt nicht zu stützen scheinen.
Allerdings wurden die Daten der WHO nicht mit der Absicht gesammelt, auf so einen Effekt zu kontrollieren und die EMA erwähnt in Ihrer Metaanalyse, dass es nur eine beschränkte Zahl an Teilnehmerinnen gab, die in die Kategorien „75-79kg“ und „above 80kg“ fielen.
Ein wenig stutzig geworden, gerade von den Rückpfiffen auf vielen öffentlichen Seiten und der Aussage der EMA auf ihrer Webseite selbst, dass es keine Bedenken gäbe, was die Wirkung von Levonorgestrel bei Frau mit einem Gewicht von über 75kg angehe, hatte ich vor zwei Wochen der EMA geschrieben und meine Zweifel deutlich gemacht.
Interessanterweise bekam ich heute unter anderen folgende Antwort:
Please note that EMA did not conclude that the claim of reduced effectiveness of these contraceptives with increasing body weight is false, only that the data to support this claim are inconclusive. The product information for these contraceptives will be updated to inform women and healthcare professionals that there are inconclusive data indicating possible reduced effectiveness in women with high body weight or body mass index (BMI).

Vergleichen wir es mit dem Titel der entsprechenden Mitteilung der Webseite der EMA von Juli 2014:

Bildschirmfoto 2014-12-17 um 23.39.30

Ich weiß nicht, ob der EMA dabei bewusst war, wie unpassend und missleitend der Begriff “suitable” (angemessen/passend) in diesem Zusammenhang ist. Liebe EMA, lasst uns klar stellen: ein Auto ist für den Roadtrip nicht suitable, wenn es nicht mehr fährt.
Eine Pille danach ist als Mittel zur Notfallverhütung nicht mehr suitable, wenn sie keine Schwangerschaft verhindert.
Wenn man weiterliest erkennt man auch zum Ende hin – wenn man Statistik versteht zumindest – dass der Effekt nicht widerlegt wurde und ihm nicht per se widersprochen wird, sondern dass man nicht zu eindeutigen Schlüssen kam.
Was ungefähr so beruhigend ist, wie seinen Pep-Smear/Abstrich mit dem Ergebnis “nicht eindeutig” wieder zu bekommen. Wobei da zumindest zur Kontrolle ein zweiter gemacht wird.

Und was in diversen pharmazeutischen (Online-)Formaten an kam, war das hier:

Bildschirmfoto 2014-12-17 um 23.41.37

Ich gehe davon aus, dass diese Webseiten – die aber recht oben bei meiner google-Suche rauskamen, als ich vor Wochen “Pille danach Gewicht” in das Suchfenster eingab – alle keine RedakteurInnen mit wissenschaftlicher Bildung haben.

Und leider auch ProFamilia hat auf ihrer Webseite vermerkt, dass das Gewicht keine Rolle spiele.
Ich frage mich dann, was meine Frauenärztin mir erzählt, wenn ich demnächst darum bitte mir eine Pille danach mit einem anderen Wirkstoff quasi präventiv zu verschreiben. Denn eines ist mir klar: von der Rezeptfreiheit des Levonorgestrel-Präparats werde ich nicht profitieren.

Womit wir zu dem Punkt kommen müssen, an dem ich ziemlich pissed bin:

Ich (Körpergewicht knapp über 80kg) fühle mich mal wieder wie ein Mensch zweiter Klasse.

Aus vielen Gründen sollte ich sagen: Frau zweiter Klasse. Denn ich werde nicht nur im Gegensatz zu den meisten Männer wegen meines Gewichts ab- und auf Grund meines Geschlechts überhaupt sexuell bewertet, nein, jetzt muss ich auch noch die Gefahr eine Schwangerschaft in Kauf nehmen. (Jetzt sage bitte keine_r “Dann habe doch keinen Sex”. Oder schlimmer noch “Sei doch froh, wenn du überhaupt in die Kiste darfst”).

Scheinbar interessiert es niemanden, dass da eine ganze Gruppe von Frauen benachteiligt wird.
Gefühlt sind wir wieder bei der altbekannten „Na, ihr seid doch selber Schuld, esst doch mal weniger, macht mal Sport“ –Leier, mit der all die Diskriminierungen, die mensch als dicker Mensch hinnehmen muss, quasi als Konsequenz des eigenen Handelns dargestellt wird.

Aber ungewollt schwanger zu werden ist ein größerer Lebenseinschnitt als dumme Kommentare, abfällige Blicke oder schlechtere Jobchancen.
Es ist vor allem ein sehr messbarer Lebenseinschnitt.
Ich will das Resultat nicht Nachteil nennen, aber man hat auch Gründe sich für eine Pille danach zu entscheiden und gerade alleinerziehende Mütter zum Beispiel sind überrepräsentativ Armutsgefährdet.

Und selbst wenn es nicht zu einer Schwangerschaft kommt, das Wissen, dass man sie nicht verhindern kann wenn etwas schief geht, macht Angst.
Dieser gruselige Gedanke von „wenn jetzt das Kondom reißt“…. der lässt einen zumindest eher von One-Night-Stands zurück schrecken. Dabei können ONS eine coole Sache und ein wichtiger Teil sexueller Selbstbestimmung sein, an dem sich sicher jeden Tag viele Leute komplett sorgenlos erfreuen. Aber sie sind eben gerade die Art von Situation, in der man kein Kind zeugen möchte.

Ja, das Kondom würde wahrscheinlich nicht reißen. Abgesehen davon, dass sie das manchmal tun. Und die Konsequenzen sind nicht spaßig.

Aber was sage ich – man kann Kondome ja auch mit der normalen Pille kombinieren. Also wenn man nichts gegen die Nebenwirkungen hat, die zahllos sind, die Lebensqualität einschränken und dann häufig noch mal 3kg durch Wassereinlagerung auf die Knochen bringen. Sollte ich mich mit 80kg+ über drei zusätzliche Kilos aufregen? Nein. Aber ich weiß, dass es jeder zweite auf der Straße tun wird.
Jetzt wird die EMA also doch irgendwann auf die Beipackzettel schreiben, dass Gewicht eine Rolle spielt.
Das ist ein Anfang. Im Sinne der Aufklärung hätte ich es aber gut gefunden, wenn das sofort passiert wäre.

Aber leider wird es wohl auch genau da aufhören.
Keiner wird sich dafür einsetzen, dass der Effekt genauer untersucht und vielleicht umgangen wird.
Und ich kann mich immer noch ängstlich fragen, ob ich den heißen Kerl an der Bar, der mir gerade einen Kaffee gezahlt hat und fragt, was ich hier schreibe, demnächst mit nach Hause nehme.

Social Injustice and the Spunk

Dass soziale Gerechtigkeit noch lange nicht erreicht ist, wissen wir alle. Genug Studien zeigen auf, dass Kinder aus sozial schwachen oder bildungsfernen Haushalten seltener das Abitur meistern oder ein Studium beginnen, als ihre bildungsbürgerlichen Counterparts. Die naheliegende Annahme wäre, dass sich aus ihrer “schlechten” Situation heraus ein Ressourcenmangel ergibt – sei es nun weil sie weniger Input und Hilfe von ihrem direkten sozialen Umfeld erwarten können, Nachhilfe sich nicht geleistet wird oder es generell mehr Probleme gibt, neben denen Schule notgedrungen unter den Tisch fallen.

Ein weiterer Faktor könnte jedoch sein, dass Stress tatsächlich vererbbar ist. Oder genauer gesagt – der Stress, den eine (biologische) Mutter während der Schwangerschaft erfährt, wirkt sich direkt auf das Kind aus. Dieser Teil ist naheliegend, da wir uns vorstellen können, wie direkt die betreffenden Stresshormone involviert sind und sich auf den Fötus auswirken können.
Ein Stückchen abstrakter klingt aber die Aussage, dass der Stress, den ein Mann erfährt – zu jedem Zeitpunkt vor der Zeugung – sich auf die Qualität seines Spermas auswirkt. Tatsächlich führt Stress aber zu einer Änderung auf der Ebene der MicroRNA eines Mannes – oder einer Studie zufolge zumindest zu Änderung des Spermas von Mäußerichen. Da Mäusehirn und Menschenhirn jedoch gut vergleichbar sind, lassen sich hieraus Schlüsse auf unser humanoides Spermium schließen.
Grob gesagt: Wenn ein Mann viel Stress in seinem Leben erfährt, ändert es sein Sperma so, dass das daraus entstehende Kind eine niedrigere Stresstoleranz entwickelt und anfälliger für psychische Störungen ist. Genauer wirkt es sich auf den neuronalen Aufbau aus und führt dazu, dass Hypothalamus und Hypophyse (die in vielen Punkten oberste Instanz der Hormonregulation sind) das Stresshormons Cortisol in einer Menge ausstossen lassen, die medizinisch gesprochen dysfunktional ist. Mit ungewöhnlichen Cortisolspiegeln lassen sich u.a. Depressionen und Schizophrenie verbinden.

Da Menschen mit niedrigen Einkommen (und dies häufig korrelierend mit niedrigen Bildungsabschluss oder psychischen Störungen) meiner Meinung nach durchschnittlich mehr Stress ausgesetzt sind, als Menschen mit einer sicheren finanziellen Versorgung, verstärkt sich als der zuvor angeschnittene Aspekt der sozialen Ungerechtigkeit – die Kinder, die von diesen Männern gezeugt werden, haben sowohl sozial schlechtere Startbedingungen, als auch biologisch – denn sie neigen dazu schlechter mit Stress umgehen zu können und sind anfälliger für psychische Störungen und verfügen damit wahrscheinlich nur bedingt über die Anpassungsmechanismen, die es bedarf, um in unserer Gesellschaft erfolgreich zu sein oder nur zurecht zu kommen.
Unter diesem Aspekt (aber auch unter vielen anderen) sollte mensch seine eigene Perspektive auf soziale Gerechtigkeit reflektieren – es darf nicht nur darum gehen jedem augenscheinlich die gleichen Chancen zu gewähren, sondern auch darum Nachteile konkret zu erkennen und die benachteiligten Gruppen aktiv zu fördern und diese Nachteile auszugleichen.
Im Kapitalismus geht das natürlich nicht. 😦