Social Injustice and the Spunk

Dass soziale Gerechtigkeit noch lange nicht erreicht ist, wissen wir alle. Genug Studien zeigen auf, dass Kinder aus sozial schwachen oder bildungsfernen Haushalten seltener das Abitur meistern oder ein Studium beginnen, als ihre bildungsbürgerlichen Counterparts. Die naheliegende Annahme wäre, dass sich aus ihrer “schlechten” Situation heraus ein Ressourcenmangel ergibt – sei es nun weil sie weniger Input und Hilfe von ihrem direkten sozialen Umfeld erwarten können, Nachhilfe sich nicht geleistet wird oder es generell mehr Probleme gibt, neben denen Schule notgedrungen unter den Tisch fallen.

Ein weiterer Faktor könnte jedoch sein, dass Stress tatsächlich vererbbar ist. Oder genauer gesagt – der Stress, den eine (biologische) Mutter während der Schwangerschaft erfährt, wirkt sich direkt auf das Kind aus. Dieser Teil ist naheliegend, da wir uns vorstellen können, wie direkt die betreffenden Stresshormone involviert sind und sich auf den Fötus auswirken können.
Ein Stückchen abstrakter klingt aber die Aussage, dass der Stress, den ein Mann erfährt – zu jedem Zeitpunkt vor der Zeugung – sich auf die Qualität seines Spermas auswirkt. Tatsächlich führt Stress aber zu einer Änderung auf der Ebene der MicroRNA eines Mannes – oder einer Studie zufolge zumindest zu Änderung des Spermas von Mäußerichen. Da Mäusehirn und Menschenhirn jedoch gut vergleichbar sind, lassen sich hieraus Schlüsse auf unser humanoides Spermium schließen.
Grob gesagt: Wenn ein Mann viel Stress in seinem Leben erfährt, ändert es sein Sperma so, dass das daraus entstehende Kind eine niedrigere Stresstoleranz entwickelt und anfälliger für psychische Störungen ist. Genauer wirkt es sich auf den neuronalen Aufbau aus und führt dazu, dass Hypothalamus und Hypophyse (die in vielen Punkten oberste Instanz der Hormonregulation sind) das Stresshormons Cortisol in einer Menge ausstossen lassen, die medizinisch gesprochen dysfunktional ist. Mit ungewöhnlichen Cortisolspiegeln lassen sich u.a. Depressionen und Schizophrenie verbinden.

Da Menschen mit niedrigen Einkommen (und dies häufig korrelierend mit niedrigen Bildungsabschluss oder psychischen Störungen) meiner Meinung nach durchschnittlich mehr Stress ausgesetzt sind, als Menschen mit einer sicheren finanziellen Versorgung, verstärkt sich als der zuvor angeschnittene Aspekt der sozialen Ungerechtigkeit – die Kinder, die von diesen Männern gezeugt werden, haben sowohl sozial schlechtere Startbedingungen, als auch biologisch – denn sie neigen dazu schlechter mit Stress umgehen zu können und sind anfälliger für psychische Störungen und verfügen damit wahrscheinlich nur bedingt über die Anpassungsmechanismen, die es bedarf, um in unserer Gesellschaft erfolgreich zu sein oder nur zurecht zu kommen.
Unter diesem Aspekt (aber auch unter vielen anderen) sollte mensch seine eigene Perspektive auf soziale Gerechtigkeit reflektieren – es darf nicht nur darum gehen jedem augenscheinlich die gleichen Chancen zu gewähren, sondern auch darum Nachteile konkret zu erkennen und die benachteiligten Gruppen aktiv zu fördern und diese Nachteile auszugleichen.
Im Kapitalismus geht das natürlich nicht. 😦